Was ist Gerechtigkeit? Besonders die Vertreter des politischen Spektrums links der Mitte vereinnahmen diesen Begriff ja für sich – reduzieren ihn aber mit ihrer Politik auf die sogenannte „Bedarfsgerechtigkeit“.
Ist es nun aber wirklich gerecht, wenn jeder in Deutschland -unabhängig von Fähigkeit, Leistung und Fortune- Anspruch auf einen Lebensstandard hat, der in neun von zehn Ländern dieser Erde als purer Luxus empfunden wird? Gehören Auto, Fernseher, Handy, Spielkonsole, Markenklamotten, Double-Cheeseburger, Pizza-Bringdienst und ein Urlaub auf Mallorca wirklich zu jenen Dingen und Leistungen, die jeder haben muss?
Wir haben heute in Deutschland die Situation, dass trotz gegenteiliger Darstellung in den Medien -abgesehen von einem durchaus nicht geringen Anteil an tatsächlich hilfebedürftigen Menschen die Kinder zu versorgen und zu betreuen haben oder die aufgrund von Krankheit, Behinderung oder Persönlichkeitsstörungen nur zu einem extrem passiven Leben fähig sind- der Lebensstandard vom Arbeitslosen bis hin zu vielen Akademikern auf einem vergleichbaren Niveau ist.
Der Arbeitslose erhält Arbeitslosengeld, bei ALG II eine Erstattung von Miete und Heizkosten und hat neben gelegentlichen Besuchen bei der ArGe viel Zeit um sein Einkommen durch Schwarzarbeit aufzubessern, der Geringverdiener hat trotz Wohngeld und Kinderzuschlag im Normalfall kein oder nur ein geringfügig höheres Einkommen und der sogenannte Besserverdiener wird durch Steuern und Sozialabgaben, steigende Energiekosten, Betreuungskosten für die Kinder und nicht zuletzt durch zumeist höhere Werbungskosten (Fahrten zur Arbeit, angemessene Kleidung etc.) auf ein ähnliches Niveau gedrückt.
Ausbrechen aus dieser Falle können nur die sogenannten dinks („double income, no kids“) oder Großverdiener. Bei letzteren hat die OECD sogar festgestellt, dass die Steuerlast in Deutschland durch Schlupflöcher und Abschreibemöglichkeiten de facto regressiv ist, soll heißen: wer mehr verdient, zahlt relativ weniger Steuern. Kein Wunder, wenn man durch die sogenannte „kalte Progression“ mittlerweile schon bei einem Einkommen, das nur dem anderthalbfachen des Durchschnitts entspricht, den Spitzensteuersatz zahlt (vor fünfzig Jahren musste man dazu noch das vierzehnfache des Durchschnitts verdienen).
Ist das nun wirklich gerecht, die große Masse durch einen solchen subtilen Sozialismus auf einem undifferenzierten, mittelmäßigen Niveau zu halten, bei wenigen Ausreißern nach oben, damit Mercedes und Porsche auch weiterhin Kunden haben? Viele würden sagen: ja.
Ist es aber nicht! Insbesondere die sogenannten „Besserverdiener“, also Fach- bzw. leitende Angestellte, viele Akademiker, Beamte des gehobenen Dienstes, selbständige Handwerker, Freiberufler und Kleinunternehmer, sind in diesem System extrem benachteiligt. Sie bilden die Schicht, die Deutschland wirtschaftlich und kulturell durch ihre Bildung und Qualifikation, durch Innovationen und persönliche Flexibilität überproportional stark trägt. Insbesondere unter dem Aspekt der Leistungsgerechtigkeit kann es doch nicht richtig sein, diese Schicht künstlich auf ein Niveau mit anderen Schichten zu drücken, in denen Leistungsbereitschaft und Bildungsnähe Fremdwörter sind. Und unabhängig von der Frage nach der Gerechtigkeit ist das doch tödlich für die Bereitschaft der jungen Generation, Zeit und Energie in die eigene Bildung und Qualifizierung zu investieren und eine arbeitsmarktreife Persönlichkeit zu entwickeln. Wozu auch, wenn man das, wenn man den Lebensstandard, denn man so erreichen kann, auch ohne Lernen, Anstrengung und Ablegen von infantilem Verhalten haben kann?
Wenn man dagegen etwas tun möchte, kann man aber nicht einfach sagen: „Steuern und Abgaben pauschal runter, mehr für alle!“ Das wäre unseriös. Auch wenn es auf staatlicher Seite enormes Einsparpotential durch Entbürokratisierung und Abbau von Subventionen gibt, wird es natürlich Menschen geben, die in einem leistungsgerechten System schlechter dastehen. Das Motto muß lauten: „Unterstützung für Hilflose, mehr für mittelständische Leistungsträger, progressiv weniger für Großverdiener und nichts für Menschen, die zumutbare Arbeit ablehnen.“
Leistungsgerechtigkeit gehört also auf die dringend notwendige Agenda 2020, aber nicht nur sie alleine. Unter der Prämisse, dass Eltern und Umfeld den Rahmen für die Entwicklungsmöglichkeit eines jungen Menschen geben, muss es auch Aufgabe des Staates sein, Chancengerechtigkeit sicher zu stellen. Auch davon sind wir in Deutschland weit entfernt. Chancengerechtigkeit hieße, dort, wo es nötig und möglich ist, durch kostenlose Betreuung und Bildung, das genetische Potential von Kindern gegen negative Einflüsse durch Familie und Umfeld auszuschöpfen. Im Klartext hieße das: Kostenlose Betreuung und Frühförderung von Kleinkindern in Krippen und Kindergärten, viel mehr Ganztagesschulen (insbesondere Grund- und Hauptschulen), Lernmittelfreiheit und -als Grundlage für eine gute Entwicklung und vermutlich gegen den Widerstand der Pharmaindustrie- das Anbieten einer ausgewogenen Schulspeisung sowie ein massiver Ausbau von Bewegungs- und Sportunterricht in Kindergärten und Schulen. Diese Investitionen würden sich für den Staat langfristig vielfach auszahlen.