Gestern hatte ich die Möglichkeit einen Vortrag von Dr. Joe Ackermann über die Finanzmarktkrise zu hören. Leider habe ich mir keine Notizen gemacht und Folien gab es keine. Zentrale Aussagen waren:

  1. Die Subprime-Krise wurde extrem unterschätzt: er erzählte von einem Treffen mit Geithner und einigen anderen Top-Managern vor etwas über einem Jahr, die Subprime-Krise wurde angesprochen, war aber neben anderen Themen wie Ölpreise, China, Wechselkursen, etc. kaum beachtet.
  2. Es wurde zu viel Vertrauen in Risikomodelle (Value-at-Risk) gesetzt und zu sehr darauf gebaut, dass die Risiken statistisch halbwegs unabhängig eintreten. Die Modelle wurden schlecht verstanden und Annahmen nicht an der Realität überprüft.
  3. Die Rettung der Banken war notwendig. Ackermann schließt sich damit der Interpretation an, dass es ein Fehler war, Lehman nicht zu retten. Er meinte aber, wenn ich ihn richtig verstanden habe, dass es vor allem ein extrem ungünstiges Timing war und unter normalen Umständen die richtige Idee gewesen wäre. Er spricht sich auch dafür aus, nicht jedes insolvente Unternehmen zu retten.
  4. Wichtig für die Rettung von Unternehmen ist nicht so sehr ihre Größe, sondern viel mehr ihre Interconnectivity, also auf die systemische Auswirkung. Darum, weil das Bankengewerbe extrem verkoppelt ist, nimmt es eine Sonderstellung gegenüber den meisten anderen Betrieben ein.
  5. Die Wirtschaftskrise wird noch eine Weile andauern, in dieser Zeit sollte man sich vor allem darauf konzentrieren, die Probleme zu lösen, langfristige Regulierungen sind nicht angebracht.
  6. Die angedachten Regulierungsmaßnahmen von höheren Eigenkapitalquoten und niedrigerer Leverage hält er für eine gute Idee. Er ist auch optimistisch, wenn es um andere Regulierungsmaßnahmen kommt, zB. die Fähigkeit, Spekulationsblasen zu identifizieren und platzen zu lassen.
  7. Er hält es für „nicht sehr wahrscheinlich“, dass es zu einer zweiten Bankenkrise kommt, auch wenn er durchaus Probleme mit den Bilanzen seiner (und anderer) Banken sieht. Auf Grund der unterschiedlichen Binanzierungsregeln haben die Banken noch ein paar „Leichen im Keller“. Er erkennt diese Probleme und stellt ebenfalls fest, dass Bilanzierungsregeln wie Fair Value in illiquiden Märkten nicht besonders gut funktionieren.
  8. Ackermann denkt ebenfalls die „unregulierten Schattenmärkte“, in denen Werte gewissermaßen an den Regulierungen vorbei gehandelt wurden, ein großes Problem sind.
  9. Die Finanzmarktkrise ist voll auf die Realwirtschaft durchgeschlagen. Das sei ein Schlag für die neoklassische Ökonomie. Money Matters. Das sei stark unterschätzt worden, genau wie die Auswirkungen auf Schwellenländer — die Fähigkeit von jenen, Kredite zu bekommen, ist sehr wichtig.
  10. Da aber einzelne Staaten die Banken nun unterstützen, verlangen nun die lokalen Steuerzahlen, dass diese Bank mehr in ihrem Land investiert. Das führt indirekt zu Protektorismus und schädigt die Fähigkeit von Schwellen- und Entwicklungsländern an Kredite zu kommen, extrem.
  11. Er stellte fest, dass es nun zu einer weiteren Kräfteverschiebung „vom Markt zum Staat“ kommen wird. Man sollte es aber nicht übertreiben.
  12. Denn Ackermann versteht auch die problematischen Staatseingriffe, die zu dieser Krise beigetragen haben. Die historisch niedrigen Zinssätze nach 9/11 und dem Platzen der DotCom-Blase, sowie die staatlich verordnete Ziel, mehr Amerikaner in Häusern wohnen zu lassen, auch wenn sie es sich eigentlich nicht leisten können, nannte er exemplarisch.
  13. Aber auch die Vergütungsregeln für Manager sollten überdacht werden. Ob staatlich oder selbstreguliert, das lies er offen.

Ich fand den Vortrag recht interessant, Herr Ackermann wirkte gut informiert und sehr inteligent, aber nicht übermäßig charismatisch: er wirkte recht normal, was sehr beruhigend auf mich gewirkt hat. Er gibt sich als Pragmatiker. Der Vortrag war etwas unstrukturiert — von Geschichten aus dem Leben, bis zum Anreissen von makroökonomischen Themen war eigentlich alles dabei (das Publikum dürften meiner Einschätzung nach hauptsächlich BWL-Studenten gewesen sein) — und weitreichend.

Hinterher gab es die Gelegenheit, Fragen zu stellen, leider kam ich nicht mehr dran, ich wollte fragen, ob er gute Ansätze kennt, Regulierungsstrukturen zu testen, vor dem Hintergrund, dass die aktuelle Generation von Bänkern nun riskante Finanzprodukte sowieso nun anders behandelt werden, denn das gebrannte Kind meidet das Feuer. Der eigentliche Sinn der Regulierungsstrukturen — die Verhinderung solcher Krisen — wird also erst bei der nächsten Generation von Bänkern sichtbar, also in 30+ Jahren. Die Opportunitätskosten, so lange ineffiziente Regulierungen laufen zu lassen, sind schließlich enorm.

Zu erwähnen ist freilich, dass ich einige Sachen anders sehe, als Herr Ackermann. Ob die Nichtrettungsaktion bei Lehman Brothers ein Problem war, halte ich für nicht so ganz klar. Seinen Optimismus über die Fähigkeit von Regulierern, Spekulationsblasen effektiv zu erkennen und zum platzen zu bringen, teile ich nicht so sehr. Genau so wenig denke ich, dass die Schattenbanken ein großes Problem, geschweige denn unreguliert waren.

Sehr wichtig fand ich insbesondere Punkt 2 über Risikomodelle und 10: seine Anmerkungen über Protektorismus und staatsgestützte Banken.