Gestern war es so weit, die erste große „Mixed Martial Arts“-Veranstaltung in Deutschland. Worum geht’s? Es treffen sich eine Gruppe von jungen Herrschaften mit Testosteronüberschuß und dann kloppen sie im wesentlichen auf sich ein. Erlaubt ist fast alles, es fließt Blut, es fliegen Zähne, das Publikum gröhlt … die Politik ist entsetzt:

In ihrer Beurteilung ließen alle Redner keinen Zweifel daran, was sie von Kampfsportarten dieser Art halten. „Dass die Veranstaltung zu einer Verrohung der Sitten beiträgt, ist nachvollziehbar. Es gibt bereits erste Todesfälle“, kritisiert Müser. Dr. Ralf Elster von der CDU zeigte sich froh darüber, dass der Antrag gestellt wurde. „Unglaublich, was für Schwachsinnformate über den Atlantik schwappen“, erboste sich der CDU-Politiker. Während SPD-Ratsfrau Monika Wiesemann die Kampfsportart als „menschlichen Hahnenkampf“ bezeichnet und den Initiatoren sogar einen rechtsradikalen Einfluss zuordnet, machte FDP-Sportpolitiker Manfred Wolf auf die Grenzen der Einflussmöglichkeiten aufmerksam. Zwar sei auch er gegen eine solche Veranstaltung. Aber man könne das nicht so einfach verbieten, räumte Wolf ein.

Verständlich ist es schon, wenn man solche Veranstaltungen nicht schätzt und der automatisch anspringende Politikerinstinkt („verbieten, verbieten, verbieten“) verwundert mich auch wenig. Interessant ist aber, was für Argumente herangezogen werden: es trägt zur Verrohung der Sitten bei (daran sind natürlich die USA schuld), es gab Todesfälle und die Veranstaltung könnte einen rechtsradikalen Hintergrund haben.

Ich verstehe alle Gründe überhaupt nicht. Gerade wenn es wahnsinnig brutal ist, sollten wir dann nicht froh sein, dass sich dort nur rechtsradikale Wirrköpfe den Kopf einschlagen? Das ist doch immerhin sympatischer als wenn sich dort moralisch edle Sozialdemokraten prügeln würden. So viel Sozialdarwinismus muss erlaubt sein.

Laut Aussage eines Veranstalters haben „80 Prozent der Kämpfer einen akademischen Hintergrund“, was das Rechtsextremismusargument nicht gerade stärkt.

Auch das Argument der Todesfälle scheint wenigstens diskutierbar zu sein (die Zahlen sind von 2006):

There have been a much higher rate of deaths in boxing than in ultimate fighting. According to statistics, boxing averages roughly 11 deaths per year[...]. In an unsanctioned ultimate fighting bout outside of the US there has been one recorded death that was related to ultimate fighting. This has been the only fatality ever recorded regarding ultimate fighting.

Bliebe noch die Frage, ob unsere Sitten verrohen. Das ist natürlich schwer zu sagen, so lange man nicht erklärt, was man unter „verrohenden Sitten“ verstehen möchte. Wenn man darunter verstehen möchte, dass sich Politiker beliebige Argumente an den Haaren herbeiziehen nur um ihre wenig fundierten Präferenzen durchzusetzen, dann scheint das tatsächlich so zu sein, wie man auch an der Debatte um das „Sperren“ von Internetseiten sehen kann. Wenn man sich stattdessen die Kriminalitätsstatistik herausnimmt, dann stellt man fest, dass die Sitten nicht so stark zu verrohden scheinen, die Anzahl der Fälle von Gewalt pro Kopf sind steigen nicht dramatisch, oft sind sie sogar rückläufig, wenigstens in meinem Teil des Universums, in dem übrigens die Bevölkerungszahl wächst … Das wäre auch bei der Diskussion über das Verbot von gewalttätigen Videospielen oder Schußwaffen interessant. (Die USA sind übrigens bei den Kriminalitätsraten auch nicht so weit von Deutschland entfernt, Einbrüche und Überfälle passieren seltener, Morde etwas häufiger, vermutlich induziert von der Drogenkriminalität. Man kann eben nicht jedes Problem auf die USA schieben.)

Zusammengefasst: Einige erwachsene Menschen schlagen sich mit gegenseitiger Übereinstimmung die Birne ein, zB. weil es ihnen Spaß macht, weil sie den ganz besonderen Kick suchen, oder aus anderen Gründen. Einige Leute finden das gut und möchten dafür Geld ausgeben, zusehen zu dürfen. Andere finden es abstoßend, möchten es „ächten“ und „verbieten“ und erfinden sich dafür auch gern ein paar Argumente, die schwerer wiegen sollen, als die Zustimmung beider Parteien, sich Schaden zuzufügen. Es reicht ihnen augenscheinlich nicht, einfach nicht zur Veranstaltung zu gehen. Stattdessen wünschen sie sich eine Welt nach ihren Vorstellungen. Diese Einstellung findet sich schön zusammengefasst bei Andreas Rüttenauer von der TAZ:

Verbieten? Warum nicht. Es gibt noch durchaus mehr Sportarten, die auf den Prüfstand gehören. Wie wäre es beispielsweise, wenn sich die Politik an das Schleifen des Motorsports hierzulande machen würde?

Dass dieser Prüfstand lediglich aus seinen gesammelten Vorurteilen besteht, erwähnt er natürlich nicht.

Anmerkung: Dass Kinder- und Jugendbeschränkungen eingeführt wurden, finde ich dagegen sehr gut ver-, äh, -tretbar.