Die ZEIT sagt nein! Und sie sagt auch noch ein paar andere Sachen, wieso Wachstum schlecht ist und wir uns schleunigst ein neues „Modell“ ausdenken sollten.
Zu der Behauptung, weniger Wohlstand und Wachstum wäre gut für die Umwelt hab ich hier schon was gesagt, jetzt möchte ich mir die nächste Behauptung vornehmen:
Wachstum macht tatsächlich glücklich, aber nur, wenn man sehr wenig besitzt, wenn es um die ersten großen Sprünge geht. Auto statt Fahrrad, Wohnung statt WG-Zimmer, Waschmaschine statt Waschsalon. Ab einem gewissen Niveau hebt das Wirtschaftswachstum die Zufriedenheit nicht mehr.
In den vergangenen dreißig Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland verdreifacht. Das heißt, verkürzt gesagt: Der durchschnittliche Deutsche kann sich heute dreimal so viel leisten wie damals. Die Lebenszufriedenheit aber ist unverändert geblieben. Genau wie in Frankreich, in Großbritannien, in Italien, genau wie in fast allen großen Industrieländern, mit Ausnahme der USA. Dort sind die Menschen heute sogar weniger glücklich als früher.
Dazu gibt es in der Tat allerhand Studien, auch wenn dort normalerweise die Zufriedenheitswerte konsequent ansteigen. Nehmen wir doch die, hust, USA:
Dazu kommen noch viele weitere Probleme mit der Art und Weise, wie diese Studien zusammengestellt werden. Dort werden Leuten im wesentlichen Fragen gestellt („wie glücklich bist Du, auf einer Skala von 1 bis 10?“ o.ä.) und diese Ergebnisse notiert. Schwierig ist dabei festzustellen, was die Leute da tatsächlich beantworten. Es läßt sich in der Zufriedenheitsforschung leicht feststellen, das bestimmte Kulturen ihre Zufriedenheit höher einschätzen, das sich die Bedeutung von „zufrieden“ geändert hat oder sich gar nicht scharf genug in andere Sprachen abbilden läßt (typische Probleme, die der Zufallsforscher Gilbert als „language-squishing“ und „experience-streching“ bezeichnet).
Andere Forscher hab gezeigt, dass einige Leute ihre Zufriedenheit an ihren Erwartungen abschätzen oder wie sie sich gerade im Moment fühlen. Die meisten stimmen ihre Zufriedenheit aber so ab, wie sie relativ zu ihrer sozialen Gruppe dastehen. Ist ja auch verständlich, wie soll man denn herausfinden, was eine Zufriedenheits-“10″ ist? Man schätzt also ab, wer so eine „10″ sein könnte und wie sehr man von ihm weg ist. Da in einer Gesellschaft aber immer nur eine bestimmte Menge an Leuten in dem obersten Dezitel sein können, wächst die Gesamtzufriedenheit der Bevölkerung natürlich nicht — egal, ob wir alle reicher werden und uns mehr Wünsche erfüllen können oder in Lehmhütten wohnen würden. Dieser Adaptionseffekt erklärt, warum die Zufriedenheit nicht linear mit dem Wirtschaftswachstum zunimmt.
Einige Psychologen gehen sogar noch einen Schritt weiter und sagen, das es für uns selbst schwer feststellbar ist, wie glücklich wir tatsächlich sind. Und das sind alles Effekte, die man nicht durch das Gesetz der Großen Zahlen wegdiskutieren kann, weil die „Fehler“ alles andere als zufällig verteilt sind.
Wenn man etwas andere Fragen stellt, zB. wie sehr sich die Situation gegenüber dem Leben der Eltern verbessert hat, dann explodieren die Umfragewerte auf einmal signifikant.
Auch wenn man sich ansieht, wo auf der Welt die glücklichen Leute sitzen, dann sieht man folgendes:
Da drängt sich der Verdacht auf, das Wohlstand kein so irrelevanter Faktor sein kann. Es ist schließlich noch nicht so lange her, als Deutschland ein BIP/Kopf in der Größenordnung von Polen hatte.
Weitere Anmerkungen gibt es zB. in diesem Papier von Ruut Veenhoven und bei Will Wilkinson.
Sogar Richard Layard der Britische Labour-Ökonom, der das Buch „Happiness: Lessons from a new Science“ geschrieben hat, mußte feststellen, dass die zufriedensten Leute, die jemals gelebt haben, heute im „Freien Westen“ leben. Vielleicht ist es also keine gute Idee, dieses System zu zerstören, sondern mehr Leute daran teilhaben zu lassen? Nur so eine Idee von mir.


