Rituelle Kindstötungen kommen in mehreren Eingeborenenstämmen in Brasilien vor. Betroffen sind etwa Kinder mit Behinderungen oder Albinos. Manche Stämme glauben auch, dass in Zwillingen Gut und Böse vertreten sind. Sie töten daher das Kind, welches sie für das personifizierte Böse halten. Neben Begräbnissen bei lebendigem Leibe kommt es auch vor, dass Kinder im Urwald ausgesetzt und sich selbst überlassen werden.
Missionare filmten nun brasilianische Ureinwohner dabei, wie sie ein mißgebildetes Kind bei lebendigem Leib begruben und veröffentlichten das Video im Internet. Was meinen Sie dazu?
Wenn Ihre Meinung etwa in diese Richtung geht…
Die für Eingeborenenrechte kämpfende Gruppe Survival International warf Hakani vor, mit dem Video gezielt rassistischen Hass gegen Ureinwohner zu schüren. Offenbar wolle Hakani die Regierung dazu drängen, die rituellen Kindstötungen bei Indianerstämmen zu verbieten.
…dann sind Sie ein sogenannter Kulturrelativist und damit IMHO ein Arschloch.
Wenn Sie dagegen der Meinung sind, dass diese Indianer strafrechtlich verfolgt werden sollten und durch geeignete Maßnahmen so etwas in Zukunft verhindert werden muss, haben Sie verstanden, dass Menschenrechtsnormen naturrechlichen Ursprungs sind und verzeihen mir bitte die Verwendung des o.g. Kraftausdrucks.
Die Zitate entstammen übrigens diesem Artikel auf WELT online, der auch Teile des schrecklichen Videos enthält.
Mai 24, 2009 at 10:15
Ich sehe das nicht so schwarz-weiß. Im Kontext einer Stammesgesellschaft sind zumindest die Tötungen von behinderten Babys plausibel. Die anderen Tötungsgründe sowie die unnötige Grausamkeit des Begrabens bei lebendigem Leib sind allerdings purer Aberglaube. Im Kontext eines Rechtsstaates ist natürlich jede Tötung strikt abzulehnen. Um aber einen Rechtsstaat durchzusetzen, muss die Stammesgesellschaft zerstört werden. Sie sind miteinander unvereinbar. Ob und wer das aus welchem Grund tun sollte, ist keine einfache Frage.
Ein Staat braucht auch immer eine ausreichende wirtschaftliche Grundlage. Wenn man die Stammesgesellschaft zerstört und die in ihr lebenden Menschen in einen modernen Staat holen will, muss man ihnen auch die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen (Bildung, Infrastruktur). Ist das nicht der Fall, verschlechtert man das Leben dieser Menschen erheblich, und es ist außerdem fraglich, ob sich Recht dann überhaupt durchsetzen ließe.
Ich hege starke Zweifel, ob heutige Technologie bereits ausreichen würde, um modernes Leben in einem Urwald zu ermöglichen. Das heißt man hat nur zwei Alternativen: Entweder man entvölkert diesen Lebensraum und holt die Menschen zwangweise in die Städte, um ihnen dort die Möglichkeiten für ein modernes Leben zur Verfügung zu stellen. Oder man verändert den Lebenraum radikal, indem man den Urwald rodet und Siedlungen für die Menschen errichtet. Beides sind keine idealen Vorgehensweisen – deshalb ist es, wie gesagt, keine einfache Frage.
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Darüber hinaus folge ich der naturrechtlichen Argumentation überhaupt nicht. Recht ist etwas Künstliches, das dem menschlichen Verstand entspringt. Es kommt nicht aus der Natur – ganz im Gegenteil.
Ich stimme zu, dass jeder Mensch einen Anspruch auf Menschenrechte hat. Aber nicht, weil sie ihm von Natur aus zufallen. Sondern weil wir in unserer geistig-moralischen Entwicklung bereits bis zu einem Punkt fortgeschritten sind, an dem wir jedem Menschen Rechte zugestehen. Rechte hat man nicht von Natur aus, man muss sie sich nehmen und man muss sie verteidigen (was der Gesellschaft regelmäßig besser gelingt als dem Einzelnen).
Jede demokratische Verfassung ist nichts anderes als eine Sammlung von Rechten, die sich eine Gruppe von Menschen selbst zugestanden hat; und sie ist auch nur etwas wert, wenn sie sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch gegenüber anderen Gesellschaften (Staaten) durchgesetzt werden kann.
Mai 24, 2009 at 10:20
Ich bin zwar vollkommen deiner Meinung, dass jeder, der dieses Vorgehen zu verteidigen sucht, einige der grundlegendsten meiner (und die der meisten westlichen Menschen) Überzeugungen nicht teilt oder extrem pervertiert, und man das nicht hinnehmen oder erhalten muss, aber ein Naturrecht ist genau so ein Unsinn wie Kulturrelativismus (in seiner starken ausprägung – hier wären einige begriffliche Feinschliffe von Nöten).
Mai 25, 2009 at 4:50
Rechtspositivismus -also die Verneinung des Naturrechtsgedanken- und Kulturrelativismus sind eigentlich das Gleiche, nämlich Nihilismus.
Wie gefährlich dieses Denken ist, hat das Dritte Reich gezeigt. „Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein“ sagte Filbinger dazu, dass er als Militärrichter unter den Nazis Todesurteile sprach, kurz bevor er deshalb als MP von Baden-Württemberg zurücktreten musste.
Wir sind dabei, die Lehren des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges zu vergessen, wenn wir wieder anfangen, zu sagen „Recht ist Recht, Befehl ist Befehl“.
Die Natur (oder Gott, wenn es ihn gibt) hat uns bestimmte Werte in die DNA gelegt, die uns ermöglicht haben, uns gesellschaftlich so weit zu entwickeln, wie wir heute im Westen sind. Diese Werte gelten universell, auch wenn sie in keinem gültigen Gesetzbuch stehen.
Mai 29, 2009 at 11:39
Jaja das gute alte „Dann werden wir ja alle nazis!!11″ Argument. Hohl wie eh und je, als ob „Naturrecht“ nicht ideologisch benutzt würde, also bitte.
Juni 28, 2009 at 10:31
*hochschieb*
Deine Forderung, jene Urwaldindianer als nach unseren westlichen Massstäben als rückständig und barbarisch einzuordnen, teile ich sofort.
Insofern gehören sie meiner Meinung nach auch nicht in besonderem Maße geschützt.
Problematisch wird es für mich dann, wenn ein eindeutig außerhalb unserer Werte- und vor allem Rechtsordnung stehender Stamm im fernen Brasilien nach unseren Massstäben „strafrechtlich“ belangt werden soll. Das geht nunmal nicht, was publizistische Verurteilunge jedoch nach wie vor möglich und umso wichtiger macht.
Also: nach juristischen Standpunkten nicht berührbar, nach moralischen jedoch umso verurteilenswerter!
MfG,
Ingo
Juni 30, 2009 at 4:16
Also mich kann man Kulturrelativist im weitesten Sinne nennen, aber keinesfalls ideologisch verbrähmend. Das bedeutet daher, dass ich NICHT derartige verabscheuungswürdige Praktiken irgendwie rechtzufertigen versuche. Wo kommen wir denn da hin? Dennoch ist es auch nicht falsch, die Motivation des Videodrehs zu hinterfragen. Es ist gut, dass dies publik wird, aber was genau wurde damit beabsichtigt? Welche Konsequenzen wurden nahegelegt? Sollte auf einen Missstand aufmerksam gemacht werden(was gut ist), oder war der Zweck, eine Kultur in ihrer Gänze anzuprangern(was schlecht ist)? Gerade bei religiösen Missionaren bin ich immer sehr wachsam.
Kulturrelative Denkansätze können bei gesellschaftlichen Missständen, bei denen kulturelle Hintergründe vermutet werden, der Ursachenforschung dienlich sein. Sind Ursachen auf diese Weise ausgemacht worden, kann man davon ausgehend über Lösungsstrategien nachdenken. Wie auch in diesem Fall.
Solche Denkansätze dürfen aber nicht dazu dienen, Beschränkungen von elementaren Rechten das Wort zu reden. Da beginnt die Ideologische Verbrämung.
Oktober 10, 2009 at 3:06
Tolle Beiträge und Meinungen