NEUFASSUNG
4500 Soldaten für 14 Monate. Das sind 639.500 mehr als beim Bundestagsmandat von 2007 und damit insgesamt 1.917.000 deutsche “Manntage” in dem von der NATO in Afghanistan gegen die durchgeknallten Taliban geführten asymmetrischen Krieg. Der Grund für die Ausweitung im Oktober 2008 war zum einen der Termin der nächsten Bundestagswahl und die Hoffnung, mit Blick auf die Stimmung in der Bevölkerung das Thema aus dem Wahlkampf heraushalten zu können, zum anderen aber auch der Umstand, dass die Obergrenze von 3500 Soldaten in der Vergangenheit zu einigen unschönen Maßnahmen geführt hatte, worüber der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, in seinem jüngsten Bericht auch ausführlich berichtet.
14 Monate sind dreieinhalb Kontingente. Das heißt, dass in dieser Zeit bis zu 15.750 deutsche Familien für jeweils vier Monate auf einen ihnen wichtigen Menschen verzichten müssen und oft auch um sein Leben und seine Gesundheit bangen – besonders nach den jüngsten Vorfällen. Manche kommen tatsächlich in Särgen wieder. Mittlerweile sind diese Soldaten auch in den Reden des Verteidigungsministers und des Generalinspekteurs gefallen, wenngleich das Wort Krieg auch weiterhin strikt gemieden wird (auf Nachfrage wird von einem Staatssekretär darauf hingewiesen, dass der Einsatz nicht die völkerrechtliche Definition von Krieg erfüllt).
Krieg macht keinen Spaß
Diese Opfer sei es wert, sagen Regierung, Generäle und die große Mehrheit des Bundestages und wahrscheinlich haben sie damit sogar im Grundsatz recht. Afghanistan darf nicht wieder Rückzugsgebiet werden für gobal agierende Terroristen. Und im Fußballstadion von Kabul dürfen nicht wieder Frauen für angebliche Sittlichkeitsvergehen hingerichtet werden. Gegen die Taliban in den Krieg zu ziehen war ganz sicher die richtige Entscheidung. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass dort nun deutsche, französische, norwegische oder Soldaten aus einem anderen NATO-Land sterben. Krieg macht keinen Spaß und nimmt keine Rücksicht darauf, dass man eigentlich noch Pläne hat und an seinem Leben hängt. Das wissen die Beteiligten und das ist auch der Grund dafür, dass niemand den Krieg mehr hasst, als der Soldat (einige Stabsoffiziere und Generale einmal ausgenommen).
Es stellt sich also nicht die Frage nach dem Ob. Und auch die Frage des Wozu, wenngleich sie Soldaten und Bevölkerung häufig stellen, ist eigentlich beantwortet. Die Fragen, die sich tatsächlich stellen und auf die es derzeit von den Planern und Entscheidern keine Antwort gibt, lauten “Wie?” und “Wie lange?“.
Geld und Macht als Selbstzweck interessieren sie nicht
Die NATO steckt in einem Dilemma. Wenn man die Taliban nicht bekämpft, läßt man zu, dass sie sich weiter reorganisieren und erneut versuchen, die Kontrolle über Afghanistan zu erlangen. Eine Kompromisslösung gibt es für diese Geisteskranken nicht, denn Geld und Macht als Selbstzweck interessieren sie nicht. Wenn man sie aber bekämpft, muss man dabei unweigerlich Kollateralschäden in Kauf nehmen, was wiederum die Bevölkerung gegen die ISAF aufbringt und zu Sympathie für die islamischen Fanatiker oder sogar direkte Unterstützung der Taliban-Partisanen führt. Und, es klingt zwar absurd, aber im Verständnis der afghanischen Landbevölkerung ist die Schuld am Tod von Kindern, die in der Nähe einer angegriffenen ISAF-Patrouille spielten, eben nicht dem Taliban-Selbstmordattentäter und seinen Hintermännern zuzuschreiben, sondern den angegriffenen Soldaten. Denn -so die für uns seltsam anmutende Logik- wären diese Soldaten nicht im Land, dann wäre das auch nicht passiert. Je länger der Krieg also dauert, desto schlechter wird der Stand der internationalen Kräfte.
Der Präsident muss gestärkt werden
Daneben gibt es aber noch ein weitere Dilemma: Man könnte es das Kosovo-Syndrom nennen. Während die Taliban die NATO-Truppen aus dem Land vertreiben möchten, um selbst wieder an die Macht gelangen zu können und die Bevölkerung, wie schon gesagt, zunehmend ebenfalls einen Abzug fordert, damit der Krieg vielleicht irgendwann aufhört (auch wenn der Preis eine erneute Taliban-Diktatur ist) gibt es eine Gruppe, die sich sehr über die Präsenz der NATO freut. Diese Gruppe besteht aus afghanischen Politikern, Gouverneuren und Großhändlern. Diese Freude hat ihren Ursprung nicht etwa in Dankbarkeit dafür, dass der Krieg sie in die Positionen gebracht hat, in denen sie heute sind, sondern darin, dass sie erstens durch die Präsenz der Truppen und NGOs ein Vermögen machen und zweitens -und das ist der entscheidende Punkt- bei einem Abzug der Truppen gezwungen wären, die Verantwortung für ihr Land zu übernehmen und zwar nicht wie bisher pro forma und zur Zementierung ihrer mit brutaler Gewalt erkämpften Stellung mit offiziellen, “legalen” Machtpositionen. Diese Gruppe -und damit meine ich nicht ihr Wohlwollen- ist der Schlüssel zum Erfolg in Afghanistan. Diese Leute müssen diszipliniert werden. ISAF muss aufhören, eine relative Sicherheit für die Truppen zu erkaufen, indem man die Warlords in ihren mafiösen Strukturen gewähren läßt. Der Präsident muss gestärkt werden, auch indem man gegen lokale Herrscher mit militärischer Gewalt vorgeht, die sich Anweisungen aus Kabul widersetzen. Natürlich muss man auch den Präsidenten in die Pflicht nehmen (dass Karzai ebenfalls in der afghanischen Schattenwelt mitmischt ist ja mittlerweile bekannt).
Am Tag X werden wir euer Land verlassen
Das Wie muss sich also deutlich ändern. Gleichzeitig muss die zweite offene Frage insbesondere gegenüber den genannten afghanischen Akteuren beantwortet werden. Es muss ihnen gesagt werden: „Wir investieren sehr viel Geld und einige Menschenleben in eure Zukunft. Aber am Tag X werden wir euer Land verlassen, egal wie dann die Situation ist. Wir werden euch mit Ausbildern und Material dabei unterstützen, euch auf diesen Tag vorzubereiten und wir werden die Taliban bis dahin bekämpfen – wenn es notwendig ist auch mit kurzzeitigen Kontingenterhöhungen und durch Einsätze in Pakistan. Was aber danach passiert liegt allein in euren Händen.“ Natürlich werden die so Angesprochenen beteuern, sie seien nicht in der Lage, ihr Land alleine unter Kontrolle zu halten und sich möglicherweise ein paar Inszenierungen einfallen lassen um das zu untermauern. Doch davon darf man sich nicht beeindrucken lassen.
Und, auch wenn das kein alleiniger Grund sein kann: Nicht zuletzt wäre es auch fair gegenüber den Soldaten der Bundeswehr und der deutschen Bevölkerung, wenn man sich endlich auf einen Abzugstermin festlegen würde.
April 28, 2009 at 11:13
Der Beitrag trifft ziemlich direkt das Dilemma der ganzen Situation … was wäre denn deiner Meinung ein vernünftiger Zeitrahmen, wie lange man noch in Afghanistan bleiben sollte?
April 29, 2009 at 11:20
Das ist schwer zu sagen, vielleicht drei oder vier Jahre.