Der Nachricht ist eingeschlagen wie eine Bombe: Deutschland ist nicht nur zweigeteilt, sondern mindestens dreigeteilt, wenn nicht gar völlig zerrissen, ja zerfetzt. Der erste regionale Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist da und er sagt uns, was alle, die offenen Auges durchs Land gehen, längst gewußt haben: Es gibt Armut in Deutschland. In Bremen mehr als in Bayern, in Mecklenburg-Vorpommern mehr als in Bremen. In Berlin ist jeder 6. arm aber sexy. Und selbst die FAZ hat schon mal die Obdachlosenfotos aus den Archiven geholt.
Arm in Deutschland ist laut gängiger Definition, wem weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen, das sind 736 Euro im Monat. Eine Summe, die einem hierzulande ein Leben ermöglicht, wie es sich die Armen in Kalkutta und in den Slums von Rio de Janeiro wünschen. Ein paradiesisches Leben. Armut kann man nicht vergleichen, sie wird in in jeder Gesellschaft anders definiert.
Armut sieht hier anders aus als anderswo auf der Welt, das muß man deutlich sagen. Armut in Deutschland heißt eben nicht zwangläufig Obdachlosigkeit, Hunger und ein Leben in unhygienischen Umständen, die zu Krankheit und Tot führen könnten. Armut in Deutschland ist meist Armut an Wohlstand. Armut an gesellschaftlichem Leben.
Man ist außen vor, wenn es um Markenklamotten geht, aber damit kann jeder leben. Es ist kaum möglich, an dem teilzunehmen, was gemeinhin gesellschaftliches Leben genannt wird. Kino, Theater, Oper, Kultur eben. Darauf kann der Kurzzeitarbeitslose verzichten. Wer nach langjähriger Tätigkeit arbeitslos wird, tappst in der Regel nicht gleich in die Hartz-IV-Falle und wird arm. Arbeitslosigkeit kann der Anfang einer Kette sein, an deren Ende Armut steht.
Besonders schwer ist es für arme Eltern, wenn es um die Bezahlung der Kosten für Schulbücher oder für die Klassenfahrt geht. Gerade jüngere Kinder wachsen beispielsweise schnell aus ihren Schuhen heraus und da ist das Kindergeld bald aufgebraucht. Da geht es schnell an die Reserven. Welche Reserven?
Es gibt viele, die dieses Leben auf bewunderswerte Weise meistern. Freunde und Verwandte helfen. Und notfalls hilft die Tafel oder die Arche. Wobei man hier wieder differenzieren muß: Es gibt auch manche, die am 3. des Monats schon kein Geld mehr für ihre Kinder haben, ja es gibt auch jene, die ohnmächtig und selbst hilfebedürftig sind. Es gibt Langzeitarbeitslose, denen die Kippe und das Bier wichtiger sind als das Wohl ihrer Kinder. Das sind Ausnahmen. Aber es ist wichtig, diese Ausnahmen nicht auszublenden. Die Kinder dieser Familien haben, wenn wir tatenlos zusehen, einen vorgezeichneten Weg aus der Schule direkt ins Arbeitsamt.
Es gibt immer Menschen, die wollen, und es gibt Menschen, die nicht können.
Aber es gibt auch Menschen, die nicht wollen. Ausnahmen.
Man darf auch all jene nicht vergessen, die trotz Arbeit und nimmermüder Anstrengungen nicht über die Runden kommen. Hier muß man genau hinsehen, warum das so ist, und dann gezielte Maßnahmen ergreifen. Was würde ein Mindestlohn nutzen, wenn dann der Staat im nächsten Jahr die Mehrwertsteuer erhöht, die Krankenkassenbeiträge steigen, der Strom teurer wird? Wir leben in einem Land, wo einem der Staat ständig in die Tasche faßt und im schlimmsten Fall, läßt er uns von einem verdienten Euro nur 47 Cent übrig. Mindestlöhne sind nicht steuerresistent.
Nun sind die Zahlen da und wir wissen, was wir wußten. Was ist zu tun?
Zum einen ist es wichtig, die derzeitigen Zustände mit Kraft, Einsatz und Geld zu bekämpfen. Wo 500 Milliarden in Bankenrettung und 4 Milliarden in den Neuwagenkauf investiert werden können, da sollte der einzelne, der wirklich Unterstützung braucht, nicht zu kurz kommen. Neben einer eventuellen Erhöhung des Hartz-IV-Satzes, der nicht das einzige Mittel sein kann und darf, denn Arbeit und Eigenständigkeit muß das Ziel sein, ist es dringend notwendig, in Infrastruktur zu investieren. Unternehmen müssen entlastet werden.
In unserem Land entstehen den Unternehmen (99,7 Prozent Mittelstand) jährlich Kosten in Höhe von 47 Milliarden durch Bürokratie. 47 Milliarden, die nicht mehr in Arbeitsplätze und Innovationen investiert werden können.
Wichtig ist es, auch in Bildung zu investieren, was nur die einzelnen Bundesländer können, aber nur so kann man künftigen Generationen das Los der Armut zu ersparen. Derzeit würde der Bund gern in Bildung investieren, aber er darf nach der Förderalismusreform nicht mehr. Bildung ist Ländersache. Das Grundgesetz müßte hierfür geändert werden. Hinter den Kulissen wird eifrig daran gearbeitet. Grundgesetzänderungen können auch sinnvoll sein.
Bildung heißt auch Erwachsenenbildung, Umschulung, Training. Sinnvolle, qualifizierende Maßnahmen! Kein monatelanges Bewerbungstraining, wo einem in Endlosschleife beigebracht wird, daß man saubere Sachen anziehen soll und wo auf einer Bewerbung das Paßfoto zu platzieren ist. Wer fit für den Arbeitsmarkt sein will, der muß auf dem neuesten Stand sein oder (wo sich das Fachwissen nicht ständig ändert) zumindest unendlich motiviert. Überflüssige Trainingsmaßnahmen frustrieren allerdings mehr. Sie bessern nicht die Lage, sie schönen lediglich die Statistiken.
Motiviert zu sein, heißt aber auch, die Beine in die Hand zu nehmen. Und zwar nicht nur, um von Arbeitgeber zu Arbeitgeber zu hetzen, um sich zu bewerben, es bedeutet auch, bereit zu sein, der Arbeit hinterherzuziehen.
Wer in Mecklenburg-Vorpommern sitzt und sich aufs Amt verläßt, der ist verlassen. Wo keine Arbeit ist, kann einem kein Arbeitsamt, kein Jobcenter, keine private Arbeitsvermittlung der Welt helfen. Man muß seine Schlüsse ziehen und gehen. Für die jungen Ungebundenen ist es leichter als für Familien mit Kindern, die schon einen Freundeskreis haben und für die ein Umzug oftmals viel schwerer wiegt als für die Erwachsenen.
Aber wiegt ein Leben in dauerhafter Armut nicht am schwersten?